Dortmund Nordstadt

Die Stadt ist ein angefangene Wesen, dessen Sinn sich erst mit dem Ende ihres Daseins erschließt. Die Stadt ist Synonym für Dichte und Beschleunigung und Mobilität. Sie kann aber auch Stillstand, Leere und Leblosigkeit bedeuten. Die Entkopplung des Menschen aus seiner Umgebung macht aus dem Öffentlichen das Verborgene sichtbar. Dieses verborgene Wesen legt sich wie ein Schatten über die Stadt. Es ist eine Paralleldimension, ein Gegenraum. Dieses Reservat der Stille und der Abgeschiedenheit durchdringt die Strenge der Realität. Die Architektur verräumlicht Zeit. Sie zeigt Spuren auf, die auf etwas hinweisen, dass nicht mehr da ist. Sie zeigen auf, was sich entzogen und vollzogen hat. Als sozialer Organismus besitzt die Stadt ein mineralisches Gedächnis, das uns vor Augen führt, was die Stadt ausmacht. Mit dem Ende der Industrie kommt es zu einer kulturgeschichtlichen Umdeutung des Lebensraums. Statt Vollbeschäftigung und Aufwertung des Quatiers herrscht Arbeitslosigkeit und der Niedergang eines Industriezweigs. Mit der Auflösung der Industrie und der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit wurde ein sozialpolitischer Rückzug angeordnet, auch das Kapital zog aus der Nordstadt, und damit verloren die Investoren und Arbeitgeber das Interesse an den Menschen, die zurückblieben. Die Ursache waren eine verfehlte Stadtpolitik, unzureichende Mechanismen und einseitige Integrationspolitik. Doch ist die Nordstadt als urbaner Raum in gewisser Weise fortschrittsresistent und über lange Zeit mit sich selbt identisch. Mit der Nordstadt hat niemand etwas vor, sie wird weder interpretiert, sondern hingenommen. Sie ist ein Ort des Aufschiebens, ein Enklave der Randexistenzen. Die Nordstadt ist aber auch eine Integrationsmaschine. Die Verschiedenartigkeit der Menschen ist auch ihr Kapital, das einen individuellen und gesellschaftlichen Wert schaffen kann. In ihr herrscht Leben, reges Treiben. Die Menschen teilen ihr Leben mit der Öffentlichkeit, mit ihrer Nachbarschaft. Die öffentlichen Parks mit ihren Bänken sind belegt mit Träumen und Wünschen ihrer Besucher, die gerne an diesen Ort bei Nacht verweilen. Man stößt auf neugierige Blicke, viele freundliche, verwunderte Bewohner. Die zahlreichen Kneipen zeugen von der Geselligkeit der Menschen. Vielleicht sind sie das Spiegelbild dieser Menschen, dass sich langsam entzieht.