Fluchtpunkt: Körper – Mensch – Raum

_DSC5558Start_Moving_2Transitraum_DSC5351_DSC5448_DSC5377Haus_BrueckeGeschlossene_Psychatrie_DSC5343Seppelfricke_DSC5160_DSC5179FassadeTransitraum2_DSC5342_DSC5316_DSC5421

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Dortmund Nordstadt

Die Stadt ist ein angefangene Wesen, dessen Sinn sich erst mit dem Ende ihres Daseins erschließt. Die Stadt ist Synonym für Dichte und Beschleunigung und Mobilität. Sie kann aber auch Stillstand, Leere und Leblosigkeit bedeuten. Die Entkopplung des Menschen aus seiner Umgebung macht aus dem Öffentlichen das Verborgene sichtbar. Dieses verborgene Wesen legt sich wie ein Schatten über die Stadt. Es ist eine Paralleldimension, ein Gegenraum. Dieses Reservat der Stille und der Abgeschiedenheit durchdringt die Strenge der Realität. Die Architektur verräumlicht Zeit. Sie zeigt Spuren auf, die auf etwas hinweisen, dass nicht mehr da ist. Sie zeigen auf, was sich entzogen und vollzogen hat. Als sozialer Organismus besitzt die Stadt ein mineralisches Gedächnis, das uns vor Augen führt, was die Stadt ausmacht. Mit dem Ende der Industrie kommt es zu einer kulturgeschichtlichen Umdeutung des Lebensraums. Statt Vollbeschäftigung und Aufwertung des Quatiers herrscht Arbeitslosigkeit und der Niedergang eines Industriezweigs. Mit der Auflösung der Industrie und der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit wurde ein sozialpolitischer Rückzug angeordnet, auch das Kapital zog aus der Nordstadt, und damit verloren die Investoren und Arbeitgeber das Interesse an den Menschen, die zurückblieben. Die Ursache waren eine verfehlte Stadtpolitik, unzureichende Mechanismen und einseitige Integrationspolitik. Doch ist die Nordstadt als urbaner Raum in gewisser Weise fortschrittsresistent und über lange Zeit mit sich selbt identisch. Mit der Nordstadt hat niemand etwas vor, sie wird weder interpretiert, sondern hingenommen. Sie ist ein Ort des Aufschiebens, ein Enklave der Randexistenzen. Die Nordstadt ist aber auch eine Integrationsmaschine. Die Verschiedenartigkeit der Menschen ist auch ihr Kapital, das einen individuellen und gesellschaftlichen Wert schaffen kann. In ihr herrscht Leben, reges Treiben. Die Menschen teilen ihr Leben mit der Öffentlichkeit, mit ihrer Nachbarschaft. Die öffentlichen Parks mit ihren Bänken sind belegt mit Träumen und Wünschen ihrer Besucher, die gerne an diesen Ort bei Nacht verweilen. Man stößt auf neugierige Blicke, viele freundliche, verwunderte Bewohner. Die zahlreichen Kneipen zeugen von der Geselligkeit der Menschen. Vielleicht sind sie das Spiegelbild dieser Menschen, dass sich langsam entzieht.

„Alles so schön grün hier“

  • Die Peripherie triumphiert. Die Kultur der Verschiedenheit und das Revier der Unbestimmtheit wird von dem Passant der Ränder aufgesucht, um das Wesen der Vorstadt aufzuspüren. Zwischen Flughäfen, Reihenhaussiedlungen, Baumärkten, Einkaufszentren und Plattenbauten hat der Abstand Einzug gehalten. Vorstädte sind seltsam abwesend und doch behaupt sie sich in ihrer Existenz. Die Zwischenräume sind gestrandet, herausgelöst aus der Verdichtung der Stadt und lassen diese unterschiedslos in die Peripherie übergehen.


     

Hinterhof – Der urbane Nichtort

Er ist die Insel, aus einem Meer bedeckt mit Asphalt, Stein und Beton. Nur in kleinen Oasen tritt der Hinterhof in Erscheinung, wird zu einem Ereignis in der Wüste der Monotonie. Er ist ein Fragment der Ruhe und der Abgeschiedenheit. Der Hinterhof ist ein Nichtort, der nicht interpretiert, sondern weggelassen wird. Städte sind durchzogen von Grenzen, sie zu überschreiten bedeutet erkennen, dass es sie nicht gibt. Kinder sind die ersten, die diese Grenzen schon im Kopf einreißen, deshalb ist das kindliche Wesen der größte Feind des Hinterhofes. Wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass es die Schilder sind, die das Kind in uns auffordern und anweisen, den Spieltrieb zu unterlassen. Der Hinterhof wird zur Festung des Stadtmenschen. Der Hinterhof bildet  die  Grenze zwischen  dem  öffentlichen und dem privaten Raum. Somit findet eine Unterscheidung zwischen dem Bereich des öffentlichen Lebens und des persönlichen, der urbanen Intimität statt.  Diese Trennung dient der Sicherheit vor der unkontrollierten  Konfrontation mit dem Fremden  und Unbekannten. Diese Polarisierung ist aber nicht durchgängig. Privat  und  öffentlich  treten in  Wechselwirkung  und generieren  durchaus  Orte der friedlichen Koexistens. Der Hinterhof ist Übergang zwischen vertrauten und nicht vertrauten  Dingen,  dem  Bekannten und nicht Bekannten, dem Eigenen und  dem Fremden. Hinterhöfe  sind  raue,  stille  Reservate am  Rande  der  urbanen Lärmmaschinerie,  die  sich  bewusst  abgrenzen und verschwindend fremd am städtischen Geschehen vorbeiziehen. Sie sind oft ungewöhnlich und nicht sichtbar, nicht zeitgemäß, abgenutzt und laden dennoch ein, entdeckt zu werden.  Sie bilden eine Gegenkultur zur Eigenschaftslosigkeit der Stadt, die indifferent, fragmentiert und kollagenhaft als expandierende Masse nach außen dringt. Die Stadt erzwingt die Aufmerksamkeit, bindet sie und ermöglicht eine Schattenwelt, eine Koexistenz zwischen dem dominanten, sichtbaren Wesen der Stadt und dem nicht sichtbaren Wesen des Hinterhofs. Auf der Suche nach der bürgerlichen Festung „Hinterhof“ konnte ich dieser Utopie auf den Grund gehen und das selten klare Essentielle festhalten. Wenn ich auf die Straße gehe und das Raster aus Stadtvierteln und Straßenbildern durchkämme, bin ich Beobachter. Ich gehe und sehe durch die Kamera hindurch und ab und an erblicke ich eine Schönheit im Detail, einen Ausschnitt, der der Gegenwart entflohen ist und nur durch einen sonderbaren Zufall mir zu Füßen liegt. Diesen erhabenen Moment hoffe ich mit meiner Kamera einzufangen. Hinterhöfe sind der urbane Hintergrund und der Rückzugsraum des gescholtenen Städters. Von Hinterhöfen geht eine ganz eigene Faszination aus, die durch die Neugier und die Frage, was sich hinter dem Tor zum Hof verborgen hält, gespeißt wird. Abseits der Straße verbirgt er sich und hofft eines Tages, auch von Dir entdeckt zu werden.