Hinterhof – Der urbane Nichtort

Er ist die Insel, aus einem Meer bedeckt mit Asphalt, Stein und Beton. Nur in kleinen Oasen tritt der Hinterhof in Erscheinung, wird zu einem Ereignis in der Wüste der Monotonie. Er ist ein Fragment der Ruhe und der Abgeschiedenheit. Der Hinterhof ist ein Nichtort, der nicht interpretiert, sondern weggelassen wird. Städte sind durchzogen von Grenzen, sie zu überschreiten bedeutet erkennen, dass es sie nicht gibt. Kinder sind die ersten, die diese Grenzen schon im Kopf einreißen, deshalb ist das kindliche Wesen der größte Feind des Hinterhofes. Wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass es die Schilder sind, die das Kind in uns auffordern und anweisen, den Spieltrieb zu unterlassen. Der Hinterhof wird zur Festung des Stadtmenschen. Der Hinterhof bildet  die  Grenze zwischen  dem  öffentlichen und dem privaten Raum. Somit findet eine Unterscheidung zwischen dem Bereich des öffentlichen Lebens und des persönlichen, der urbanen Intimität statt.  Diese Trennung dient der Sicherheit vor der unkontrollierten  Konfrontation mit dem Fremden  und Unbekannten. Diese Polarisierung ist aber nicht durchgängig. Privat  und  öffentlich  treten in  Wechselwirkung  und generieren  durchaus  Orte der friedlichen Koexistens. Der Hinterhof ist Übergang zwischen vertrauten und nicht vertrauten  Dingen,  dem  Bekannten und nicht Bekannten, dem Eigenen und  dem Fremden. Hinterhöfe  sind  raue,  stille  Reservate am  Rande  der  urbanen Lärmmaschinerie,  die  sich  bewusst  abgrenzen und verschwindend fremd am städtischen Geschehen vorbeiziehen. Sie sind oft ungewöhnlich und nicht sichtbar, nicht zeitgemäß, abgenutzt und laden dennoch ein, entdeckt zu werden.  Sie bilden eine Gegenkultur zur Eigenschaftslosigkeit der Stadt, die indifferent, fragmentiert und kollagenhaft als expandierende Masse nach außen dringt. Die Stadt erzwingt die Aufmerksamkeit, bindet sie und ermöglicht eine Schattenwelt, eine Koexistenz zwischen dem dominanten, sichtbaren Wesen der Stadt und dem nicht sichtbaren Wesen des Hinterhofs. Auf der Suche nach der bürgerlichen Festung „Hinterhof“ konnte ich dieser Utopie auf den Grund gehen und das selten klare Essentielle festhalten. Wenn ich auf die Straße gehe und das Raster aus Stadtvierteln und Straßenbildern durchkämme, bin ich Beobachter. Ich gehe und sehe durch die Kamera hindurch und ab und an erblicke ich eine Schönheit im Detail, einen Ausschnitt, der der Gegenwart entflohen ist und nur durch einen sonderbaren Zufall mir zu Füßen liegt. Diesen erhabenen Moment hoffe ich mit meiner Kamera einzufangen. Hinterhöfe sind der urbane Hintergrund und der Rückzugsraum des gescholtenen Städters. Von Hinterhöfen geht eine ganz eigene Faszination aus, die durch die Neugier und die Frage, was sich hinter dem Tor zum Hof verborgen hält, gespeißt wird. Abseits der Straße verbirgt er sich und hofft eines Tages, auch von Dir entdeckt zu werden.

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